Teil I – Der Weg jenseits der Berge
In alten Zeiten, als die Welten noch jung waren und die Äste Yggdrasils noch unter den Schritten von Göttern und Riesen zitterten, begab sich Thor, der Donnergott von Asgard, auf eine seiner rätselhaftesten Reisen. Obwohl viele Geschichten Thors Stärke preisen, zeigen nur wenige, wie selbst der mächtigste Gott durch List gedemütigt werden kann. Dies ist die Geschichte von Thors Reise nach Jötunheim, dem Land der Riesen, wo Stärke allein nicht ausreichte.

Eine Herausforderung angenommen
Die Geschichte beginnt in Asgard, wo Thor inmitten der Götter saß und mit seinen Siegen prahlte. Mit Mjölnir neben sich sprach der Gott stolz von den Riesen, die er zerschmettert hatte, und den Bergen, die er zertrümmert hatte.
Auf der anderen Seite der Halle stand Loki, der Trickster. Loki lächelte still, als Thor sprach, denn er wusste etwas, was Thor nicht wusste: Die Riesen von Jötunheim waren nicht bloße Kreaturen roher Gewalt. Sie besaßen alte Magie und listige Illusionen, die selbst die Götter verwirren konnten.
„Du sprichst kühn, Thor“, sagte Loki mit einem verschmitzten Grinsen. „Aber es gibt Riesen in Jötunheim, die über bloße Stärke lachen.“
Thor runzelte die Stirn. „Dann sollen sie lachen, solange sie können. Ich werde selbst dorthin reisen und ihnen die Macht Asgards zeigen.“
Loki neigte nachdenklich den Kopf. „Wenn du gehst, komme ich mit.“
Die anderen Götter tauschten Blicke aus. Odin, weise und wachsam, sagte nichts. Er wusste, dass Reisen mit Loki selten einfach endeten.
Und so wurde es beschlossen. Thor würde nach Jötunheim reisen, und Loki würde ihn begleiten.
Die Reise nach Jötunheim
Der Weg nach Jötunheim war lang und gefährlich. Die beiden Reisenden durchquerten Wälder, in denen Bäume so hoch wie Türme wuchsen, und Flüsse, so breit, dass sie wie Meere wirkten.
Thor schritt selbstbewusst voran, sein Hammer an der Seite, aber Loki ging mit sorgfältiger Aufmerksamkeit. Er beobachtete die Schatten, den Wind und die fernen Gestalten in den Bergen, denn er wusste, dass Jötunheim ein Land war wie kein anderes und die Gefahr nur einen Schritt entfernt.
Die Berge ragten wie zerbrochene Zähne in den Himmel. Die Luft selbst fühlte sich schwerer an, erfüllt von alter Kraft. Überall, wohin sie blickten, schien die Welt größer, rauer und älter. Hier herrschten die Riesen, und beide Gefährten konnten es in ihren Knochen spüren.
Als die Sonne hinter den Gipfeln zu verschwinden begann, sahen Thor und Loki etwas Enormes vor sich auf dem Weg.
Zuerst dachte Thor, es sei ein Hügel, aber dann bewegte sich der Hügel.

Der schlafende Riese
Vor ihnen lag ein Riese, so gewaltig, dass sein Körper die Waldlichtung überspannte. Seine Brust hob und senkte sich mit donnernden Atemzügen, und jeder Ausatmen klang wie ein Sturmwind. Der Riese schlief.
Thors Augen leuchteten auf. „Hier ist ein Riese, der es wert ist, bekämpft zu werden.“
Loki hob schnell eine Hand. „Warte“, sagte er.
Aber Thor war bereits vorgetreten. Der Name des Riesen, obwohl Thor ihn noch nicht kannte, war Skrymir.
Thor hob Mjölnir hoch und schlug den Riesen genau auf den Kopf. Ein mächtiger Schlag, der wie Donner widerhallte.
Der Riese rührte sich leicht und öffnete ein riesiges Auge.
„Hmm“, murmelte Skrymir schläfrig. „Ist ein Blatt auf meinen Kopf gefallen?“
Thor starrte ungläubig, er hatte Berge mit weniger Kraft als diesem Schlag getroffen.
Skrymir setzte sich langsam auf und zeigte seine immense Größe. „Nun“, sagte der Riese ruhig, „wer seid ihr kleinen Reisenden?“
Thor richtete sich stolz auf. „Ich bin Thor, Sohn Odins, Beschützer Asgards.“
Skrymir nickte langsam. „Ich verstehe.“ Der Riese schien weder beeindruckt noch verängstigt. Stattdessen stand er auf und streckte sich wie ein erwachender Bär.
„Wohin geht eure Reise?“, fragte er.
„Nach Jötunheim“, erwiderte Thor. „Ich suche würdige Herausforderungen.“
Skrymir lächelte schwach. „Ihr könnt dann mit mir reisen. Ich kenne den Weg.“
Loki beobachtete still, etwas an dem Riesen beunruhigte ihn zutiefst, aber er konnte es nicht genau benennen.
Lokis Verdacht
Sie reisten gemeinsam durch den dunklen Wald. Skrymir ging mühelos und legte mit jedem Schritt Meilen zurück. Thor und Loki mühten sich ab, Schritt zu halten.
Schließlich brach die Nacht herein, und der Riese hielt neben einer massiven Eiche an. „Wir werden hier ruhen“, sagte Skrymir und legte einen riesigen Sack mit Lebensmitteln auf den Boden. „Wenn ihr hungrig seid, bedient euch.“
Dann legte sich der Riese hin und schlief fast sofort ein.
Thor näherte sich eifrig dem Sack, aber der Knoten, der den Sack verschloss, ließ sich nicht lösen. Thor zog immer stärker, setzte seine ganze Kraft ein, aber der Knoten öffnete sich immer noch nicht.
Als Thor frustriert knurrte, kniete Loki neben dem Sack und untersuchte ihn sorgfältig. „Dieser Knoten ist nicht normal“, flüsterte er.
Thor runzelte die Stirn. „Dann werde ich ihn zerschmettern.“
Er hob Mjölnir und schlug mit genug Kraft auf den Knoten, um einen Berg zu pulverisieren, doch irgendwie blieb der Sack verschlossen.
Hinter ihnen ertönte das Geräusch eines enormen Schnarchens. Skrymir schlief friedlich.
Lokis Augen verengten sich. „Dieser Riese ist nicht das, was er zu sein scheint“, sagte er leise.
Thor umklammerte seinen Hammer. „Dann werden wir morgen sehen, was er wirklich ist.“
Aber Loki ahnte bereits, dass die Reise nach Jötunheim weit mehr als Thors Stärke auf die Probe stellen würde, und die schlimmsten Herausforderungen standen noch bevor.
Nächste Woche, die Fortsetzung!

Bibliographische Referenzen
Crossley-Holland, Kevin. The Norse Myths: A Guide to the Gods and Heroes. ISBN: 978-0140258697
Lindow, John. Norse Mythology: A Guide to the Gods, Heroes, Rituals, and Beliefs. ISBN: 978-0195153824
Sturluson, Snorri. The Prose Edda. ISBN: 978-0140447558

